Johannes-Kantorei Dresden

der klassische Chor

Die Musik der böhmischen Exulantengemeinde 1650-1880

 

Die Gemeinde der Böhmischen Exulanten in der Johanniskirche:

 

Mit dem tschechischen Kirchenreformer Jan Hus (um 1370 - 1415) begann die Reformation in Böhmen mehr als hundert Jahre eher als in Deutschland. Hus' Betonung der Orientierung an der Bibel und am eigenen Gewissen statt an der Tradition und kirchlichen Hierarchie und seine theologischen Aussagen zum Abendmahl gewannen rasch viele Anhänger.

Protestantische Christen in Böhmen erlitten jahrhundertelang Verfolgungen. Ihre Kirchen und Schulen wurden immer wieder geschlossen oder enteignet, ihre Gottesdienste verboten, ihre Pfarrer des Landes verwiesen. Erst 1609 gewährte Kaiser Rudolf II. ihnen Religionsfreiheit. In Prag wurde 1611-1614 die evangelische Salvatorkirche gebaut.

Die Niederlage der protestantischen Stände in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag beendete 1620 die kurze Freiheit der evangelischen Böhmen. Ihre Führer wurden hingerichtet, die Verfolgung der Protestanten begann wieder. Aus Glaubensgründen flohen von 1621 bis zur Mitte des Jahrhunderts etwa 36.000 Familien - Bauern, Handwerker, Künstler, Wissenschaftler, Pfarrer und auch 200 Adelsfamilien. Etwa die Hälfte dieser "Exulanten" (Auswanderer) kam nach Sachsen. Pirna wurde durch den Zuzug von etwa 3000 Böhmen in den Jahren 1623-32 eine übervölkerte Stadt. Wohlhabende durften sich in Dresden ansiedeln. Nach dem Angriff der Schweden auf Pirna im Jahr 1639 flohen zahlreiche weitere Böhmen von dort nach Dresden und blieben hier. So gewann die Stadt (wie 50 Jahre später Berlin mit dem Zuzug der Hugenotten) in kurzer Zeit zahlreiche hochqualifizierte Bürger.

Die Böhmen wohnten im 17. Jahrhundert in der Dresdner Altstadt, in der Neustadt "auf dem Sande" und vor allem in den linkselbischen Vorstädten außerhalb der Stadtmauer. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts siedelten sich viele von ihnen in der Antonstadt an, wo heute noch die Böhmische Straße nach ihnen heißt. 

Die ersten Exulanten, die in Dresden das Bürgerrecht bekamen, waren überdurchschnittlich qualifiziert. Sie sprachen sowohl tschechisch als auch deutsch und wurden deshalb leicht in die bestehenden lutherischen Kirchgemeinden der Stadt integriert. Später zogen ärmere und weniger gebildete Personen zu, die nicht deutsch sprachen. Für sie gab es in Pirna tschechische Gottesdienste. Als 1639 Pirna von den Schweden zerstört wurde, kamen diese Böhmen nach Dresden. Für sie wurde tschechisch gepredigt, so entstand die böhmische Exulantengemeinde. Dass die Nachkommen der tschechischsprachigen Exulanten ausgerechnet die deutschsprachige Prager Salvatorgemeinde zur Wurzel ihrer Erlösergemeinde erklärten, ist eine Entwicklung des 19. Jahrhunderts, die durch damals fehlende historische Informationen und durch den Wunsch nach legendärer Legitimation der eigenständigen Böhmischen Gemeinde begründet ist.

1639-50 feierte die Böhmische Gemeinde ihre Gottesdienste mit kurfürstlicher Erlaubnis in der Wohnung ihres Pfarrers Matthias Georgines. Seit Gründonnerstag 1650 nutzte die Gemeinde  die (nach Max Otto Freiesleben 1519, nach Fritz Löffler 1575 erbaute) hölzerne Friedhofskirche St. Johannis vor dem Pirnaischen Tor und ab 1795 deren spätbarocken Nachfolgerbau. Nur dort durften Gottesdienste auf Tschechisch stattfinden.

 

 

 Die erste Johanniskirche 1760 - mit dem Buchstaben S, sehr klein neben der Kreuzkirche

 

In der Stiftungsurkunde des streng lutherischen Kurfürsten Johann Georg I. heißt es, "daß unsers Obern Consistorii gut befinden nach erwenten Exulanten zu Fortpflantzung Ihres Gottesdienstes  in Ihrer Muttersprachen die Kirche zu St. Johannis auf dem Gottes Acker vor dem Pirnischen Thore allhier denen Leichbegegnüssen ohne nachteil eingereumet, darinnen Sonntags und Mitwochs, jedesmahls frühe zu gewöhnlicher Zeit geprediget, Sontags wann Communicanten vorhanden, das Heilige Abendtmahl, mit denen dieses Orts üblichen Ceremonien, Freytags aber allein Betstunde gehalten, und darbei die Litania gesungen, auch sonsten nach allen Predigten, die in unsern Kirchen gewöhnliche Gebet abgelesen werden."

 

 

Standort der ersten und zweiten Johanniskirche (rot)

 

 

Außerdem ordnete der Kurfürst an, dass der böhmische Pfarrer für die ersten zwei oder drei Jahre mit zweihundert Talern aus Bußgeldern bezahlt werden solle, "so baldt dieselbe einkommen". Später seien die Exulanten für die Finanzierung selbst verantwortlich. Schließlich wurde "fleißige und genaue Aufsicht" angekündigt, damit die Gemeinde ohne falsche Einflüsse auf klarem lutherischem Kurs bleibe. Neben dem Pfarrer wurde 1650 auch der Kantor Johannes Lunatius mit 10 Talern Gehalt und ein Kirchendiener (8 Taler) angestellt. Doch durfte die Böhmische Gemeinde bis mindestens 1672 die Orgel und bis 1847 die Glocken der Johanniskirche nicht benutzen. 1704 bis 1754 war Matthäus Graf Kantor. Er übte sein Amt bis zum Alter von 92 Jahren aus.

 

 

 "Denen Leichbegegnüssen ohne nachteil": Die Kirche stand auf dem Friedhof, die Beerdigungen durften durch die böhmische Gemeinde nicht gestört werden.

 

Das Bild oben (rechts sieht man das Pirnaische Tor) gehört zu einer Karte der Brandschäden bei der Beschießung der Pirnaischen Vorstadt 1758 im Siebenjährigen Krieg, bei der auch das Pfarrhaus und die Schule (rechts unten an der Pirnaschen Gasse) zerstört wurden. Das Holzkirchlein blieb unbeschädigt. Es wurde 1784 wegen Baufälligkeit abgerissen und modern neu gebaut. In der Zwischenzeit fanden die Gottesdienste in der benachbarten Waisenhauskirche statt.

 

 

 die zweite Johanniskirche, 1795 bis 1861

 

Die Exulantengemeinde gründete zwei Schulen (1622 in der Neustadt, Neubau 1670 in der Pirnaischen Gasse, Schulbetrieb dort bis 1873; und die Neidesche Stiftsschule 1756-1843 in der Neustadt). Zu dieser Zeit war es üblich, dass die Chormusik im Gottesdienst durch die Schüler gesungen wurde. Lehrer waren zugleich Kantoren. Für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Zuständigkeit des Direktors der Böhmischen Schule für die Kirchenmusik der Exulantengemeinde belegt. Zur Exulantengemeinde gehörte auch der sächsische Vize-Hofkapellmeister Johann Georg Trautmann, gestorben 1655.

In der ersten Johanneskirche erklang ab 1684 eine Orgel des Dresdner Orgelbauers Johann Christoph Gräbner. Für die neue Kirche entstand 1795 ein Instrument in der Werkstatt von Johann Christian Kayser, ebenfalls in Dresden.

1672 wurde ein deutscher Gottesdienst in der Johanniskirche eingeführt, weil die sechs Gemeinden außerhalb der Stadt, die zur Frauenkirche gehörten, zu groß geworden waren. Hierbei sollte der Kirchner zusätzlich bezahlt werden, "um das Singen zu verrichten". 1748 ließ die Gemeinde in Dresden Gesangbücher in tschechischer Sprache drucken, herausgegeben vom damaligen Pfarrer Georg Petermann. 

Über die Musik der Böhmischen Exulantengemeinde ist sonst wenig bekannt. Die Geschichtsschreibung der Gemeinde berichtet fast nur über die Pfarrer. Eine Ausnahme bildet Kantor Johann August Marks (geb. 1772, Kantor der Bömischen Gemeinde von 1800-1847), der 1837-44 nach der Absetzung und Flucht des betrügerischen Pfarrers Martin Stephan die Exulantengemeinde leitete, bis 1844 wieder ein Pfarrer gewählt werden konnte. Marks schreibt: "O Stephan! Stephan! Wie hast du dich, im Vergleich zu Csaplovics (Pfarrer Stephans Vorgänger), gegen deine Gemeinde verhalten! Wie hast du, im Vergleich mit jenem, geendet!" In dieser Situation war das Weiterbestehen der Gemeinde gefährdet. Die Versammlung zur Wahl eines neuen Pfarrers wurde polizeilich verboten. Im Magistrat und im Landtag wurde beschlossen, die Böhmische Gemeinde aufzulösen und ihr Vermögen einzuziehen. Der alte Kantor Marks, ein sehr mutiger, zugleich diplomatischer und allgemein akzeptierter Mann, rettete in diesen Jahren die Gemeinde.

Während der Zeit ohne eigenen Pfarrer hielt Pfarrer Gustav Steinert von der Waisenhauskirche die deutschen Predigten in der Johanniskirche. Dem Kantor Marks wurde die Abhaltung der sonntäglichen Betstunde in tschechischer Sprache übertragen. 1847 endeten die Gottesdienste in tschechischer Sprache, da nur noch sehr wenige Gemeindeglieder tschechisch sprachen.

 

 

 die Johanniskirche auf dem Johannisfriedhof, 1850

 

Nach den Aufzeichnungen des Pfarrers Johannes Benno Kummer wurde 1850 das 200jährige Jubiläum des ersten Gottesdienstes der Böhmischen Gemeinde mit Posaunenchor, Männerchor und Kinderchor gefeiert. Ob diese Chöre ständige Einrichtungen der Exulantengemeinde waren, ist nicht belegt. Pfarrer Kummer, der von 1845 bis 1879 die Böhmische Gemeinde leitete, dichtete zahlreiche Lieder für die Gemeinde, die wahrscheinlich auf bekannte Kirchenliedmelodien gesungen wurden. 

1861 mussten der alte Johannisfriedhof und auch die zweite Johanniskirche der Stadterweiterung weichen - trotz des Protestes der Böhmischen Gemeinde. Pfarrer Kummer konnte auch durch eine Eingabe an den Stadtrat die vorzeitige Versteigerung der Orgel nicht verhindern. Die Orgel wurde im Juni 1860 nach Rabenau verkauft und abgebaut. Dort ist heute sie nicht mehr erhalten. Die Gemeinde musste sich für das letzte halbe Jahr in der alten Kirche ein Harmonium mieten. Von 1861 bis zur Fertigstellung der eigenen Erlöserkirche fand der böhmische Gottesdienst wieder in der Waisenhauskirche statt.  

 

 

die zweite Waisenhauskirche (1777/80-1897) am heutigen Georgplatz - der Vorgängerbau von George Bähr stand nur von 1710 bis 1760

 

Kantoren der Böhmischen Gemeinde in der Johannis-Kirche: 

Johannes Lunatius, Kantor von 1650-1663

Johannes Meise, Kantor ab 1663

Johannes Dreyschug, Kantor bis 1680

Wenceslaus Milesius, Kantor 1681-1683

Matthias Knöchel, kantor 1683-1705

Matthäus Graf,  Kantor 1705-1749

Johannes Slesack, Kantor 1749-1764

Johann Christian Friedrich Dähnert, Kantor 1764-1789

Johann Samuel Adler, Kantor 1789-1797

Johann August Marks, Kantor und Lehrer von 1797-1847

August Marks, sein Sohn, Hilfslehrer und -kantor 1830-1846

Carl Gottlob Starke, Kantor 1848-1877

Carl Möbius, Organist 1848- 

Christian Friedrich Reichel, bis 1889 an der neuen Johanneskirche

 

 

 

Die Musik der Exulantengemeinde 1650-1880 

Kirchenchor der Trinitatisgemeinde 1894-1936

Chöre der Erlöser- und Andreasgemeinde 1880-1957

Kantorei der Erlöser-Andreas-Gemeinde 1957-1979

Kantorei der Erlöser-Andreas-Gemeinde 1979-2002

Kantorei der Trinitatisgemeinde 1936-2000

Johannes-Kantorei seit 2000

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